Notre-Dame: Die Genese eines Simulakrums
Als die Kathedrale Notre-Dame in Paris 2019 in Flammen stand, ging ein kollektiver Aufschrei um die Welt. Angela Merkel sprach davon, dass es weh tue, da Notre-Dame ein Symbol für Frankreich und die europäische Kultur sei. Den damaligen deutschen Außenminister Heiko Maas hat der Brand „ins Herz getroffen“. Der deutsche Bundespräsident Steinmeier hoffte, dass möglichst viele Teile des „reichen kulturellen Erbes“ erhalten werden könnten. Auch österreichische Politiker (Van der Bellen, Kurz) sprachen davon, dass Notre-Dame vor allem ein Symbol für die europäische Kultur sei. Hinz und Kunz spendeten ca. eine Milliarde Euro für den Wiederaufbau. Fünf Jahre später steht Notre-Dame wieder da – exakt so, wie sie war. Nur sicherer. Sie behält die gleiche Form, ist aber so weit wie möglich befreit von den Risiken des Originals. Keine architektonischen Erweiterungen, keine künstlerischen Neuinterpretationen, nur verbesserte Brandschutzsysteme und stabilere Strukturen, ein paar neue Ausstattungselemente, über die jedoch heftig gestritten wurde.
Diese Art der Rekonstruktion führt uns etwas vor Augen, das man mit Jean Baudrillard verstehen kann: Baudrillard argumentiert, dass Simulationen in Konkurrenz zum Realen treten. Die Unterscheidung zwischen dem Realen und seiner Simulation wird zunehmend unmöglich. Die Gefahr ist nicht, dass wir uns in Simulationen verlieren, sondern dass wir das Reale nicht mehr von der Simulation unterscheiden können. Man könnte fragen: Welcher Zweck wird verfolgt, wenn Notre-Dame genau so, wie es war (architektonisch, künstlerisch) wiederaufgebaut wird und die einzige Adaption darin besteht, das Bauwerk sicherer zu machen? Und gibt es Notre-Dame eigentlich noch? Oder haben wir es nicht schon längst mit einer Simulation Notre-Dames zu tun — mit einem Simulakrum?
Was wir an Notre-Dame beobachten, ist ein Simulakrum im Baudrillard’schen Sinne: eine Kopie ohne Original, die realer wirkt als das Verlorene selbst. Realer, weil neu; realer, weil zugänglich; realer, weil sicherer; realer, weil so, wie wir es wollen. Die neue Kirche ist keine Fälschung – sie ist die verbesserte Version des Originals, das nicht mehr existiert. Sie sieht aus wie die historische Kathedrale, trägt deren symbolische Bedeutung, ist aber frei von deren inhärenten Risiken und Widerspenstigkeiten. Als Simulakrum fordert sie nicht heraus, hat keinen Eigensinn mehr, sondern dient nur noch als Symbol. Der ursprüngliche spirituelle und gemeinschaftliche Zweck der Kirche tritt dabei in den Hintergrund.
Das Anfertigen einer Kopie bietet viele Vorteile im Vergleich zu einer Auseinandersetzung mit, der Erweiterung von oder der Interpretation des Originals. Man weiß, was zu tun ist. Man hat Pläne und Bilder des Originals. Man kann das Original „genau so“ wieder aufbauen, wie es war. Keine Diskussionen darüber, wie die Kirche wiederaufgebaut werden soll, keine Auseinandersetzung darüber, welche Werte, Ideen oder Vorstellungen symbolhaft übersetzt und umgesetzt werden sollen. Das Zeichen bezieht sich nur noch auf sich selbst. Notre-Dame ist wichtig, weil es wichtig ist.
Neuere Ideen, die es schließlich in die Innenausstattung geschafft haben (neuer Altar, Stühle statt Bänke, Beleuchtung, neue thematische Ausrichtung der Kapellen) waren und sind heftiger Kritik ausgesetzt. Die Agenten der Simulation konnten sich nicht vollständig durchsetzen. Einig war man sich nur bei der Außenhülle – die Oberfläche musste genau so sein wie vorher.
Die Auslöschung des Realen
Der Streit über das Innere – Wer geht schon wirklich hinein? Wer nutzt die Kathedrale tatsächlich für Kontemplation und Reflexion? Für das gemeinsame Abhalten von religiösen Ritualen? – erschien nebensächlich. Dieser Streit drehte sich nicht darum, wie der Raum gestaltet werden sollte, um geistige Praxis zu unterstützen, sondern einzig darum, wie er aussieht und was er repräsentiert. Nämlich nichts. Zumindest nichts Reales. Der Innenraum sollte den verlorengegangen Innenraum repräsentieren und nichts darüber hinaus. Die Befürworter modernerer Elemente wollten eine „Öffnung“ der Kirche erreichen, an die Geschichte Jesu erinnern, mit modern-minimalistischem Design. Für die Kritiker war alles, was nicht einfach ein Wiederaufbau war, moderner Firlefanz.
Im Lichte von Baudrillard scheint es besonders paradox, dass die Gegner einer Erneuerung davor warnten, dass Notre-Dame nicht zu Disneyland werden dürfte, war es doch er, der darauf hinwies, dass der Zweck von Disneyland darin besteht, zu behaupten, dass alles außerhalb von Disneyland „real“ sei. Also zu überdecken, dass auch außerhalb der Tore von Disneyland alles nur noch eine Simulation ist. Aber indem diese Gegner fordern, dass Notre-Dame zu einer exakten Kopie des Niedergebrannten werden soll, erheben sie die Phantasmagorie (ein Trugbild vor Publikum) von Notre-Dame zur neuen Realität, zur Hyperrealität und verdecken somit das Simulative an der neuen Kathedrale. Sie sind es also, die aus Notre-Dame Disneyland machen.
Der Einbruch des Realen – das Feuer – musste für die Zukunft verunmöglicht werden. Der Einbruch des Realen musste dafür genutzt werden, das Reale ein für alle Mal aus Notre-Dame auszutreiben. Notre-Dame sollte realer werden als vor dem Brand. Eine Kopie, die vom Original nicht nur nicht mehr zu unterscheiden ist, sondern es übertrifft. Notre-Dame verweist auf nichts mehr, das außerhalb von Notre-Dame liegt. Notre-Dame ist europäische Kultur. Europäische Kultur ist Notre-Dame.
Symptomatisch ist, worüber es keinen Streit gab: Die Kathedrale „sicherer“ zu machen. Das heißt nichts anderes, als sie vor einem erneuten Einbruch der Realität zu schützen. Sie soll für das stehen, wofür man sie gerade braucht – also letztendlich für nichts Reales. Kein Eigensinn soll bleiben, keine Widerspenstigkeit.
Eine modernisierte Innenausstattung erscheint in diesem Kontext als Problem, weil sie potentiell für etwas steht, das außerhalb des Simulakrums liegt. Sie verweist auf etwas Anderes, statt auf das zu verweisen, was man glaubt, das einmal war. Unangetastet vom Realitätsprinzip selbst.
Abstrakte Gemeinschaften als soziale Simulakren
Ich vermute, dass diese Dynamik der Simulation ihr Echo in unseren sozialen Beziehungen findet. In meiner Forschung zu gesellschaftlichen Entwicklungen in Österreich zeigt sich ein interessantes Phänomen: Die Befragten bedauern stark den Verlust sozialer Kohäsion, entwickeln aber keine Hoffnung auf deren Wiederherstellung. Was entsteht, ist eine „resignative Akzeptanz“ – man trauert um den Verlust realer Gemeinschaft, hält ihn aber gleichzeitig für unumkehrbar. Bzw. nicht einmal das – es kommt für die Einzelnen nicht mehr in den Blick, dass in der (Wieder-)herstellung einer sozialen und gemeinschaftlichen Identität eine mögliche Lösung vieler Probleme liegen könnte.
Die Befragten sehen Formen der Vergemeinschaftung nicht (mehr?) als gestalterisches Element unserer Welt. Die Singularität der eigenen Existenz, die Einsamkeit, Unverbundenheit und die daraus resultierende Ohnmacht wird bewusst und unbewusst beklagt. Es wird richtig identifiziert, dass das Selbstbild als vereinzeltes, abgeschnittenes Individuum zu einem sozialen Verfall beiträgt. Dieses Selbstbild macht die Individuen – und somit die „Gesellschaft“ – letztendlich und massenweise krank. Aber die Umkehr dieses Selbstbildes und somit die Wiederbelebung des Sozialen, um etwas zu ändern oder zu verbessern, kommt nicht in den Blick.
Dieses Phänomen, das ich in meinen Umfragedaten bisher beobachtet habe, lässt sich analytisch aus meiner Sicht mit dem Begriff „abstrakter Gemeinschaften“ genauer verstehen.
Abstrakte Gemeinschaften kann man verstehen als soziale Formationen der Postmoderne, die Zugehörigkeit ohne direkte Interaktion simulieren. Sie zeichnen sich durch parallelisierte statt interaktive Teilhabe aus, werden primär durch Medien und Konsum vermittelt und basieren auf einer imaginierten Solidarität mit vermeintlich Gleichgesinnten. Ihre Mitglieder projizieren individuelle Bedürfnisse auf sie, ohne aktiv zur Lösung kollektiver Probleme beizutragen. Diese Gemeinschaften erlauben Mehrfachzugehörigkeiten und modulare Identitäten, bieten geringe soziale Verbindlichkeit und existieren oft nur temporär. Als Simulakren verwischen sie die Grenze zwischen echter und simulierter Gemeinschaft, erfüllen aber eine kompensatorische Funktion: Sie bieten Ersatz für schwindende soziale Bindungen und gleichzeitig Schutz vor den Risiken authentischer Beziehungen – eine paradoxe Konstellation, die intensives individuelles Engagement ermöglicht, ohne dass dieses in kollektives Handeln münden muss.
So führt das Verschwinden realer sozialer Beziehungen, die in realen Gemeinschaften münden und dort aktiv sind und werden, zu einer nicht funktionierenden Ersatztherapie innerhalb abstrakter Gemeinschaften. Die Symptomatik, die durch den Verlust realer Gemeinschaften entsteht (Vereinsamung, Ohnmächtigkeit etc.), wird durch die abstrakten Gemeinschaften scheinbar gelindert, verstärken sie aber nur. Die Attraktivität abstrakter Gemeinschaften besteht darin, dass ein Bezug zum Realen so gut wie nicht mehr vorhanden ist bzw. durch die innere Logik der abstrakten Gemeinschaft ausgelöscht wird. Sie sind hyperreal in dem Sinne, dass sie eine intensivere, reinere Form von Gemeinschaft vorgaukeln als jede reale soziale Verbindung je bieten könnte. Sie übersteigen die Widersprüchlichkeit, Begrenztheit und Anstrengung echter Gemeinschaften, indem sie eine makellose Simulation anbieten – frei von Konflikten, Kompromissen und der Mühsal gegenseitiger Verpflichtungen. Diese Hyperrealität abstrakter Gemeinschaften verdeckt, dass ihnen das Wesentliche fehlt: die transformative Kraft geteilter Erfahrungen und gemeinsamen Handelns. Wie Notre-Dame nach dem Brand werden abstrakte Gemeinschaften zur perfekten Kopie einer Idee, die das Original nicht nur ersetzt, sondern es als unvollkommen und überflüssig erscheinen lässt.
Es entstehen „abstrakte Gemeinschaften“ – soziale Simulakren als Ersatz für reale Gemeinschaftserfahrungen. Sie bewahren äußerlich die Form von Gemeinschaft, während sie deren Widerspenstigkeiten eliminieren. Zugehörigkeit basiert nicht mehr auf direkter Interaktion, sondern auf parallelen individuellen Praktiken und symbolischer Identifikation – sei es als „wir Autofahrer“, „wir Steuerzahler“ oder „wir Umweltbewussten“. Sie bieten Zugehörigkeit ohne Verbindlichkeit, Identität ohne Einschränkung und Solidarität ohne echte Begegnung.
Die stockende Moderne
Was Notre-Dame und unsere sozialen Beziehungen verbindet, ist ein paradoxes Verhältnis zur Vergangenheit: Wir sehnen uns nach dem Traditionellen, wollen aber dessen Risiken und Unbequemlichkeiten nicht in Kauf nehmen. Wir wollen die Form ohne die Substanz, die Sicherheit ohne die Verletzlichkeit, die Gemeinschaft ohne die Verpflichtung, die Kirche ohne die Religion.
Das, was Zygmunt Bauman als die „Verflüssigung“ unserer Gesellschaft identifiziert hat, scheint nicht dazu zu führen, dass sich alles so weit verflüssigt, dass es uns durch die Hände fließt. Es scheint vielmehr so zu sein, dass das, was einmal fest war (Traditionen, Institutionen, Strukturen), in einen anderen Aggregatszustand übergegangen ist, eben flüssig wurde. Diese Verflüssigung hat aber nicht dazu geführt, dass die Verwandlung weitergeht, dass das Feste über den Übergang zum flüssigen gasförmig wird und sich somit verflüchtigt, um etwas Neuem Platz zu machen. „Alles Ständische und Stehende verdampft“ eben nicht, um den alten Marx zu bemühen. Vielmehr scheint es so zu sein, dass diese „Flüssigkeit“ nun stockt. Das Feste (wenn man so will das Reale) ist in seiner flüssigen Form nicht mehr zu erkennen. Nur hie und da ploppt das Reale noch als Brocken innerhalb des Flüssigen auf, neben Simulakren des Realen. Das Flüssige simuliert uns das Reale, indem es selbst feste Brocken produziert. Eben mit dem Zweck zu verbergen, dass die realen, festen Brocken so gut wie nicht mehr vorkommen. Die Simulation immunisiert sich gegen die Anklage durch das Reale, indem sie das Reale simuliert.
Die Simulation wird dabei zur dominanten Form des Sozialen – nicht als Übergang zu etwas Neuem, sondern als Dauerzustand einer Gesellschaft, die die Verflüssigung bedauert bzw. am eigenen Leib durch Leiden spürt, aber in der jede Bezugnahme auf ein nicht-flüssiges Reales durch Simulationen des Realen (Simulakren eben) verunmöglicht wird. Wir können uns letztlich nicht sicher sein, ob wir uns tatsächlich auf etwas Reales beziehen, wenn wir uns auf etwas Reales beziehen. Wir wissen letztendlich nicht, ob es Notre-Dame überhaupt noch gibt oder je gegeben hat.