Zeit, das Kind beim Namen zu nennen

Am 7. Januar 2026 erschoss ein ICE-Agent Renee Good, eine 37-jährige amerikanische Staatsbürgerin und Mutter von drei Kindern. Sie hatte gegen Razzien in ihrer Nachbarschaft protestiert. Das Heimatschutzministerium behauptete, Good habe versucht, einen Agenten zu überfahren. Eine forensische Videoanalyse der New York Times widerlegte das: Die Räder zeigten vom Agenten weg, das Fahrzeug drehte ab. Der letzte, wahrscheinlich tödliche, Schuss kam durchs Seitenfenster, als das Auto bereits an ihm vorbei war. „Agent“ Jonathan Ross wurde weder suspendiert noch angeklagt.

Etwa zwei Wochen später, gestern, erschossen Bundesagenten Alex Pretti, einen 37-jährigen Intensivpfleger, der Kriegsveteranen betreute. Das Video zeigt mehrere Agenten, die auf einen Mann am Boden einschlagen. Dann mindestens zehn Schüsse. Pretti war US-Staatsbürger und hatte einen legalen Waffenschein. Die Ermittlungsbehörde des Bundesstaates Minnesota wurde trotz richterlichem Durchsuchungsbefehl vom Tatort ausgesperrt. Gouverneur Walz: „Minnesota has had it. This is sickening.“

Good und Pretti waren weiß. Deshalb kennen wir ihre Namen. Seit Trumps Amtsantritt sind 32 Menschen in ICE-Gewahrsam gestorben, mehr als in den vier Jahren unter Biden zusammen. Die meisten schafften es nicht in die Schlagzeilen.

Und die Schlagzeilen, die es gab? „ICE-Einsatz in Minneapolis: Mann erschossen“ (ZDF). „Tödliche Schüsse in Minneapolis: Trump verteidigt ICE“ (NZZ). „Tötung von Autofahrerin durch US-Einwanderungsbehörde ICE“ (Standard).

Mann erschossen. Nicht: Bundesagenten erschießen bereits entwaffneten Staatsbürger. Tödliche Schüsse. Nicht: Paramilitärische Truppe richtet Menschen auf offener Straße hin. Migrationspolitik. Nicht: Ethnische Säuberung.

Was passiert

Es ist Januar 2026. Die USA haben Venezuela militärisch angegriffen und Präsident Maduro gestürzt. Trump droht Dänemark mit der Annexion Grönlands. 675.000 Menschen wurden deportiert, 2,2 Millionen sind „freiwillig“ gegangen. 65 Prozent der Inhaftierten haben keine Verurteilung. Die ICE führt Razzien in Schulen, Krankenhäusern und Kirchen durch. Ihr Budget wurde auf fast 30 Milliarden Dollar verdreifacht, mehr als alle anderen Bundesstrafverfolgungsbehörden zusammen. Am 22. Januar stimmten sieben Demokraten im House dafür, die Behörde weiter zu finanzieren, während ihre Agenten auf den Straßen von Minneapolis Menschen erschießen.

Der Leiter eines lokalen ICE-Büros in Minneapolis ist gleichzeitig Pastor einer Southern-Baptist-Kirche, einer Konfession, die 1845 zur Verteidigung der Sklaverei gegründet wurde und während der Bürgerrechtsbewegung als „letzte Bastion der Segregation“ galt. Als Aktivisten in seiner Kirche „Justice for Renee Good“ skandierten, wurden sie Tage später in ihrem Hotel von Bundesagenten verhaftet. Das Weiße Haus veröffentlichte ein digital gefälschtes Foto, das eine der Verhafteten weinend in Handschellen zeigt. Am Flughafen Minneapolis wurden etwa hundert Geistliche verhaftet, die bei minus zwanzig Grad knieten, Hymnen sangen und beteten.

In den Haftanstalten werden Kinder in Zellen gehalten, die Migranten „La Hielera“ nennen, die Eisbox. Ein Bundesgericht dokumentierte bereits 2017 Kleinkinder mit nassen Windeln in „freezing cold“. Heute berichten Familien von Essen mit Schimmel und Würmern, fehlendem Trinkwasser, Lichtern, die die ganze Nacht brennen. Anwälte werden abgewiesen. In Minneapolis wartete einer vier Stunden vor der Tür, bevor man ihm sagte: „Wir machen keine Anwaltsbesuche.“ Ein Schelm, dem das Wort „KZ“ in den Sinn kommt? Die Botschaft ist klar: Niemand ist sicher. Nicht die Staatsbürger auf der Straße. Nicht die Geistlichen am Flughafen. Nicht die Kinder in den Zellen. Nicht einmal die Anwälte. Von den „Ausländern“ ganz zu schweigen.

238 Venezolaner wurden ohne Gerichtsverfahren in das Foltergefängnis CECOT in El Salvador verschleppt. Die USA zahlten sechs Millionen Dollar dafür. Human Rights Watch dokumentierte systematische Folter: Schläge, erzwungene Stresspositionierungen, Dunkelzellen. Der Supreme Court stellte fest, dass den Männern das Recht auf ein faires Verfahren verweigert wurde. CBS unterdrückte zunächst einen 60-Minutes-Bericht über die Zustände.

Trump hat 1.500 Soldaten in Bereitschaft versetzt, um sie gegen Minneapolis einzusetzen. Er droht mit dem Insurrection Act, dem Gesetz, das zuletzt 1992 bei den Los-Angeles-Unruhen nach dem Freispruch der Polizisten angewandt wurde, die Rodney King fast totgeprügelt hatten. Er nutzt den Alien Enemies Act von 1798 für Deportationen, ein Gesetz, das zuletzt zur Internierung von Japanern und Deutschen im Zweiten Weltkrieg diente.

Die Justiz wird systematisch ausgehöhlt. Fast 100 Einwanderungsrichter wurden 2025 entlassen. Das Einwanderungsgericht in San Francisco schrumpfte von 21 auf vier Richter. Eine neue „Fraud Division“ im Justizministerium untersteht nicht dem Generalstaatsanwalt, sondern direkt Trump und Vance: politisch kontrollierte Strafverfolgung. Hunderte erfahrene Staatsanwälte wurden entlassen.

Die Sozialsysteme werden zerschlagen. Trumps „One Big Beautiful Bill“ kürzte das Lebensmittelhilfeprogramm SNAP um 187 Milliarden Dollar, die größte Kürzung in der Geschichte des Programms. 400.000 Menschen allein in Illinois verlieren ihre Leistungen. Die Krankenversicherungsprämien haben sich nach dem Auslaufen der ACA-Subventionen verdoppelt. Ein 60-Jähriger mit 63.000 Dollar Jahreseinkommen zahlt jetzt 15.000 Dollar für seine Versicherung. Die ICE hat ihre Belegschaft auf 22.000 Agenten verdoppelt. Wer verzweifelt genug ist, nimmt jeden Job.

Genozid-Forscher warnen vor den „frühen Stadien eines Genozids“ gegen Trans-Personen. Drei Yale-Professoren, die ihr Leben der Erforschung des Faschismus gewidmet haben, sind nach Kanada geflohen.

Was sind die Merkmale des Faschismus?
Obsessive Beschäftigung mit dem Verfall der Nation? „American Carnage.“ „They’re eating the dogs.“
Opfererzählung und Verschwörungsdenken? Die „gestohlene“ Wahl. Die Eliten, die das Volk unterdrücken.
Kult der Einheit? MAGA. America First. Wer nicht für uns ist, ist gegen uns.
Kult der Stärke? Militärparaden. Venezuela-Invasion. „We’re back.“
Kult der Reinheit? Deportationen. „They’re not humans.“ „They’re animals.“

Das ist kein Autoritarismus. Das ist kein Populismus. Das ist kein „starker Mann“ mit fragwürdigen Methoden. Das ist Faschismus. Es sieht aus wie Faschismus. Es klingt wie Faschismus. Es tötet wie Faschismus.

Die Medien versagen

Herbert Marcuse prägte 1965 den Begriff der „repressiven Toleranz“. Seine These: Die vermeintliche Neutralität von Politik und Medien ist keine Neutralität. Sie ist eine Ideologie, die das Bestehende stützt. Wer alles gleich behandelt, die Forderung nach Menschenrechten und die Forderung nach ihrer Abschaffung, der entscheidet sich für das Bestehende.

Marcuse wurde konkret: „Wenn ein Nachrichtensprecher über die Folterung und Ermordung in dem gleichen sachlichen Tonfall berichtet wie über den Wetterbericht, dann ist solche Objektivität unecht – mehr noch, sie verstößt gegen Humanität und Wahrheit.“ In den Massenmedien werde „die dumme Meinung mit demselben Respekt behandelt wie die intelligente“. Und: „Ohne dass die Objektivität offen verletzt würde, setzt die Entscheidung sich durch in Dingen wie der Aufmachung einer Zeitung.“ Die Parteilichkeit beginnt vor dem ersten Wort.

Zygmunt Bauman ging weiter: „Ohne die hinreichende Ursache des Genozids zu sein, ist die Moderne seine notwendige Bedingung.“ Man kann hier „Genozid“ durch „Faschismus“ ersetzen. Bauman zitiert Müller-Hill: „Objektivität öffnete die Tür zu jeder denkbaren Form barbarischer Praxis.“ Die Bürokratie, die Arbeitsteilung, die professionelle Distanz – sie sind keine Gegenmittel gegen den Faschismus. Sie sind seine Voraussetzungen. Die Redakteure der Times und des Figaro priesen in den 1930er Jahren Deutschland als Vorbild: für Wohlstand, sozialen Frieden, Recht und Ordnung. Die seriösen Medien haben den Faschismus nicht bekämpft. Sie haben ihn gelobt.

Heute ist es subtiler. Keine seriöse europäische Zeitung lobt Trump. Aber sie benennen ihn auch nicht, als das, was er ist. Statt aktivem Lob: passive Normalisierung. Statt „Deutschland ist ein Vorbild“ jetzt „umstrittene Maßnahmen“. Der Mechanismus hat sich verfeinert, aber er funktioniert noch.

Deutschsprachige Qualitätsmedien verwenden „faschistisch“ nur in Meinungskolumnen. In der Nachrichtenberichterstattung heißt es „autoritär“, „umstritten“, „polarisierend“, „rigoros“. „US-Einwanderungsbehörde“ statt paramilitärische Truppe. „Migrationspolitik“ statt ethnische Säuberung. „Tödliche Schüsse“ statt Mord.

Das F-Wort zu vermeiden normalisiert das Geschehen. Es suggeriert: Das ist noch im Rahmen des Normalen. Das ist Politik, über die man unterschiedlicher Meinung sein kann. Das ist es nicht. Es ist außerhalb des Rahmens. Es ist das, wofür wir das Wort erfunden haben.

Nennt es beim Namen

„Trump-Regierung deportiert 675.000 Menschen“ ist keine neutrale Beschreibung. Es ist eine Verharmlosung. Die akkurate Beschreibung wäre: „Faschistisches Regime führt ethnische Säuberungen durch.“

„ICE-Agent erschießt Frau bei Einsatz“ ist keine neutrale Beschreibung. Die akkurate Beschreibung wäre: „Paramilitärische Einheit des faschistischen Regimes ermordet unbewaffnete Staatsbürgerin.“

Das klingt radikal? Gut. Wir leben in radikalen Zeiten. Die Sprache muss der Realität entsprechen, nicht umgekehrt.

Journalistische Neutralität bedeutet nicht, alle Positionen gleich zu behandeln. Es bedeutet, der Wahrheit verpflichtet zu sein. Und die Wahrheit ist: Was in den USA passiert, erfüllt jedes wissenschaftliche Kriterium für Faschismus. Das zu benennen ist keine Meinung. Es ist eine Feststellung.

Bauman zeigt noch etwas: In Milgrams Experimenten brach die Bereitschaft zur Grausamkeit zusammen, sobald sich Autoritäten widersprachen. „Angesichts des Pluralismus der Autoritäten setzten sich die moralischen Antriebe der Versuchspersonen wieder durch.“ Wenn alle Medien dieselbe neutralisierende Sprache verwenden, halten sie die monolithische Struktur aufrecht. Widerspruch, das klare Benennen, bricht sie auf.

Wer heute noch von „umstrittenen Maßnahmen“ schreibt, macht sich mitschuldig. Nicht durch Tun, sondern durch Unterlassen. Durch die Weigerung, die Dinge beim Namen zu nennen.

Die Faschisten wissen, was sie sind. Es wird Zeit, dass wir es auch sagen.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert