In den USA gibt es den Begriff des „Trump Derangement Syndrom“. Konservative verwenden ihn, um linke Kritik an Trump zu pathologisieren: Wer gegen Trump ist, sei nicht politisch motiviert, sondern krank. Der Trick funktioniert, weil er die Aufmerksamkeit von den Inhalten weg und auf die Kritiker lenkt.
Österreich hat sein eigenes Derangement Syndrom. Beim Trump Derangement Syndrom wird der Begriff als Waffe benutzt, um berechtigte Kritik zu delegitimieren. Bei Babler verhält es sich anders: Hier ist die Ablehnung selbst das irrationale Phänomen. Die Unverhältnismäßigkeit zwischen dem, was der Mann tatsächlich fordert, und der Vehemenz, mit der er bekämpft wird, verdient einen klinischen Begriff. Man könnte es das Babler Derangement Syndrom nennen.
Die Boulevard-Kampagne
Es geht um Geld – und zwar um zwei Geldströme. In Spitzenjahren flossen bis zu 400 Millionen Euro an Inseraten aus der öffentlichen Hand an österreichische Medien, zwei Drittel davon an den Boulevard. Dieses System öffnet Tür und Tor für Korruption – gegen die Familien Fellner und Dichand laufen Ermittlungen wegen Inseratenkorruption – und seit dem Regierungswechsel sind diese Inserate um rund 80 Prozent eingebrochen. Dazu kommt die Medienförderung: über 80 Millionen Euro jährlich, die Babler als Medienminister künftig an Qualitätskriterien knüpfen will. Eine unabhängige Kommission soll über die Vergabe entscheiden. Der Boulevard weiß, wie er bei solchen Kriterien abschneiden würde. Beide Einnahmequellen sind bedroht – und in beiden Fällen ist Babler derjenige, der daran dreht.
Entsprechend sieht die Berichterstattung aus. Die Krone platziert seit Monaten fast täglich prominent auf den ersten Seiten Texte, in denen entweder „Alarmstufe Rot“ herrscht oder es an der Basis „rumort“. Eine Krone-Umfrage des IFDD-Instituts, die das fiktive Szenario eines Kern-Comebacks durchspielt, wird zum Anlass, wochenlang eben dieses Comeback herbeizuschreiben – die Fragestellung selbst ist bereits die Ablenkung von jeder Sachpolitik. Der „Witz“ mit „BMW – Babler Muss Weg“ wird kolportiert, als wäre er Nachrichten. Die Gratiszeitung Heute titelt: „Sänk you very much – Hier spricht Babler Englisch.“ Der Falter nennt das „Kampagnisierung der übelsten Art“. Mal tendenziös, mal einfach nur kindisch.
Der ganz normale Diskurs
Wäre das Problem auf den Boulevard beschränkt, ließe es sich als das abtun, was es ist: Interessenpolitik mit Druckerschwärze. Aber das Bemerkenswerte am Babler Derangement Syndrom ist, wie weit es reicht. Die Kobuk-Analyse hat gezeigt, wie eine einzelne Krone-Umfrage die gesamte Medienlandschaft in Bewegung setzte: Die APA übernahm die „ungünstige Umfrage“, Servus TV fragte „Steht die SPÖ kurz vor einem Putsch?“, der Standard widmete den Spekulationen eine Doppelseite, der Kurier eine Podcast-Ausgabe. Das Muster ist klar: Eine Krone-Umfrage setzt die gesamte Medienlandschaft in Bewegung, baut einen Gegenkandidaten auf und delegitimiert den amtierenden Vorsitzenden so lange, bis „Babler ist an allem schuld“ – in sozialen Medien längst ein ironischer Reflex – vom Boulevard-Narrativ zum common sense wird. Selbst dort, wo die Boulevard-Kampagne kritisiert wird, bleibt der Grundton erhalten: Babler als Problem. Es wird über seine Kommunikation geschrieben, über seinen Stil, über seine Umfragewerte – selten über seine Inhalte. Dass er an Zustimmung verliert, wird berichtet. Warum – nämlich teilweise als direkte Folge eben dieser medialen Kampagne – bleibt unterbelichtet.
Das verschobene Fenster
Das ist kein Versäumnis, sondern Funktion: Wer über die Person diskutiert, muss nicht über Strukturen sprechen. Denn Bablers Kernforderungen – Vermögenssteuer, Erbschaftssteuer ab einer Million, Arbeitszeitverkürzung, leistbares Wohnen – sind historisch betrachtet moderate Sozialdemokratie. Und die Forderung nach öffentlicher Förderung für qualitativen Journalismus, um die Öffentlichkeit aufzuklären und mündig zu machen statt sie mit Inseratenpropaganda zu füttern, ist nicht einmal links. Sie ist fundamental liberal. Dass das heute als „radikal“ gilt, zeigt nicht, wie weit links Babler steht, sondern wie weit sich das Fenster des Sagbaren nach rechts verschoben hat.
Der Boulevard profitiert vom bestehenden System – von intransparenten Geldflüssen, von der Nähe zur Macht, von einer Öffentlichkeit, die konsumiert statt kontrolliert. An strukturellen Veränderungen hat er kein Interesse, egal ob es um Vermögensverteilung, Mietrecht oder Arbeitszeitpolitik geht. Die Medienförderung ist nur das offensichtlichste Beispiel, weil hier die ökonomischen Interessen nackt daliegen. Aber der Mechanismus ist derselbe: Strukturelle linke Politik wird lächerlich gemacht. Das Babler Derangement Syndrom ist eine Abwehrstrategie des Systems – und eines ihrer Werkzeuge ist die Personalisierung.
Entpolitisierung durch Personalisierung
Wenn über Bablers Auftreten diskutiert wird, wird nicht über Vermögensverteilung diskutiert. Wenn sein Englisch verspottet wird, muss niemand erklären, warum Medienförderung nicht nach journalistischer Qualität vergeben wird und warum Parteien und Boulevard-Redaktionen sich jahrelang über Regierungsinserate aneinander gebunden haben. Dieser Mechanismus greift weit über den Boulevard hinaus – auch innerhalb der SPÖ gibt es jene, die Babler für das Problem halten, nicht seine Positionen. Das ist vielleicht der stärkste Beleg für die Tiefe des Syndroms: Die öffentliche Debatte scheint in dieser Logik gefangen. Selbst dort, wo man es besser wissen müsste, wird der Überbringer zum Gegenstand statt die Botschaft.
Die Intensität und die medienübergreifende Gleichförmigkeit der Ablehnung stehen in keinem Verhältnis zu Bablers tatsächlichen Schwächen. Sie stehen in einem Verhältnis zu dem, was er bedroht. Das Babler Derangement Syndrom markiert nicht den Punkt, an dem Alternativen unvorstellbar wären – sondern den Punkt, an dem sie gerade deshalb nicht ehrlich diskutiert werden dürfen, weil sie vorstellbar sind.
